GEMEINSAM ZUR SACHE

 

Wir verstehen und behandeln uns und unseren Alltag in einer für uns je charakteristischen Weise mit einer notwendigen Selbstverständlichkeit (Bildungsprinzip). Dass das so ist, hat seinen Sinn und auch sein Recht. Müssten wir uns ständig über die Schulter gucken und in den Blick nehmen, was uns alles bewegt, kämen wir wohl nie von der Stelle. Es ist sinnvoll, dass wir auf unsere geheime Intelligenz vertrauen und unsere Selbstverständlichkeiten nicht ständig in Frage stellen.

 

Es ist nun mal so, dass uns unsere geheime Intelligenz irgendwie verfügbar ist ohne dass wir sie auch bewusst hätten. Wenn wir jedoch auf Störungen aufmerksam werden, unser Leben verkehrt halten, dann sind uns unsere Methoden streckenweise unverfügbar geworden. Wir setzten sie regelrecht gegen uns selbst ein, gegen unsere Beweglichkeit und gegen unsere Entwicklungsmöglichkeiten.

 

Tiefenpsychologische Psychotherapie wirkt nicht heilsam, weil der Psychologe grundsätzlich besser zu Leben verstünde oder weil er bessere oder gar wahrere Erklärungen parat hätte. Die tiefenpsychologische Psychotherapie wirkt, indem sie bildlich gesprochen, einen Raum in den Alltag setzt, in dem das Seelische sich selbst in den Blick nehmen kann. Es darf sich, wenn man so will, einmal so zeigen, wie es ist. Es darf sich betrachten und bestaunen. Es kann sich inne werden, in seinen schönen und hässlichen Seiten. Es darf sich in den Bildern und Formen zeigen, die ihm eigen sind, ganz gleich ob das vernünftig ist oder nicht. In der Psychotherapie geht es um Einsicht in die Strukturierungsarbeit des Seelischen, seinen Problemen, Notwendigkeiten, Möglichkeiten aber auch Grenzen. Darin liegt begründet, warum Psychotherapie zu einem vertieften Selbstverständnis führen und warum damit Veränderungen eingeleitet werden können.

 

Der Psychologe hat hier dann auch die Rolle einer Art Hebamme, indem er ermuntert, alles zu sagen was einen bewegt, indem er ungewohnte Fragen zu stellen versteht, indem er hilft, die Bilder herauszurücken, die alle Einzelheiten organisieren. Anders gesagt, der Psychologe übersetzt das Erzählte und Verspürte auf die Strukturierungsarbeit des Seelischen (Konstruktionsanalyse), um von da aus auf Lückenhaftes, Verlagertes, Verzerrtes, Ver-rücktes aufmerksam zu werden und zu machen. Da sich das aber nicht von selbst ergibt, nimmt der Psychologe allenthalben auch die Rolle eines Advocatus Diaboli ein. In der Psychotherapie erhält das Sich-Zeigende (Phänomene und Symptome) sein volles Recht, auch das  Unliebsame, Ungewollte, Unansehnliche und Unverfügbare. Vertraute Sehgewohnheiten werden in Frage gestellt, Konsequenzen werden betont, Dahergesagtes wird festgehalten, usw.

Ziel der Behandlung ist es, Unverfügbares verfügbar zu machen und Festgefahrenes in Bewegung zu bringen, so zwar, dass das Seelische gemäß seiner eigenen Möglichkeiten freier als bisher auf die Dinge die da kommen einzugehen vermag - Fortiter in re suaviter in modo.